Das neueste Produkt von KORG ist kein gewöhnliches Instrument. Phase8 ist ein Acoustic Synthesizer, der mit physisch schwingenden Resonatoren in Form von Metallzungen den Klang erzeugt und sich so zwischen Synthesizer und elektroakustischem Klangobjekt bewegt.
Das Gerät wurde diesmal nicht in Japan, sondern bei Korg Berlin entwickelt, einem zehnköpfigen Kreativteam um Mastermind Tatsuya Takahashi, das sich innerhalb der Firma Korg mit Innovation und Design beschäftigt. Statt einen weiteren digitalen oder analogen Synthesizer mit Oszillatoren zu bauen, rückte bei dem phase8 ein anderer Aspekt in den Mittelpunkt, nämlich die physische Entstehung von Klang. Die Entwickler wollten ein Instrument schaffen, bei dem Schwingung nicht nur simuliert wird, sondern tatsächlich stattfindet. Wie das klingt und wie es sich anfühlt, erfahrt ihr in diesem Test.

Das Team von KORG Berlin
Der KORG phase8 ist das erste Instrument des Teams von Korg Berlin, dem Creative Research & Development Department, welche von Berlin aus autonom innerhalb der Firma KORG arbeitet. Was als kleines Team in Berlin begann, transformiert sich momentan aber in einen größeren internationalen Bereich: dem Innovation and Design Studio, unter Leitung von Tatsuya „Tats“ Takahashi“, der nun neben seiner Position als CEO von KORG Germany auch noch Chief Innovation Officer für KORG Global ist. Wir können als auf weitere innovative Produkte von KORG gespannt sein.
Acoustic Synthesis im phase8
Mit dem phase8 führt KORG Berlin eine neue Form der Klangerzeugung ein, die das Entwicklerteam als „Acoustic Synthesis“ bezeichnet. Die Entwicklung des phase8 mit seinen mehreren Entwicklungsstufen konnte über Jahre hinweg öffentlich verfolgt werden. Der Name des Geräts ist ein Hinweis darauf, denn mit der 8. Iteration erreicht man schließlich den Durchbruch. Erste Prototypen tauchten bereits auf der Superbooth 2023 auf, mit jeder neuen Version wurde das Konzept weiter verfeinert, bis schließlich die heutige finale Serienversion entstand.
Tatsuya Takahashi beschreibt Acoustic Synthesis als den Versuch, Klangerzeugung „jenseits der Elektronik“ zu denken und stärker an physische Vorgänge und direkte Interaktion zu koppeln. Beim phase8 stehen keine Oszillatoren, sondern Resonatoren im Mittelpunkt des Geschehens. Elektromagnetische Antriebsspulen aus Kupfer versetzen die Metallzungen in Schwingung, wodurch ein akustischer Klangkörper entsteht, der sequenziert und bearbeitet werden kann.

Die Grundidee entstand bereits vor mehr als fünfzehn Jahren, blieb jedoch lange Zeit unverwirklicht. Erst mit der Gründung von KORG Berlin und dem dortigen interdisziplinären Entwicklerteam konnte der phase8 realisiert werden.
Besonders spannend wird Acoustic Synthesis durch die physische Interaktion mit dem Instrument. Die Resonatoren lassen sich nicht nur elektronisch steuern, sondern auch direkt berühren, abdämpfen oder mit Gegenständen bearbeiten. Ähnlich wie bei einem präparierten Klavier oder einer angeschlagenen Saite reagieren die Resonatoren auf Eingriffe des Spielers und erzeugen dadurch Klangverläufe, die sich nie vollständig vorhersagen lassen.
Erster Eindruck und Äußeres
Der KORG phase8 ist also bei uns eingetroffen. Ich öffne den 1,75 kg schweren Karton, zum Vorschein kommt ein großformatiger Get Started Guide, auf dem sehr schön illustriert die einzelnen Parts beschrieben sowie die mechanische Bauweise dargestellt wird. Eine Auflistung der Bauteile samt Materialbezeichnung (Kupfer, Eisen, Aluminium etc.) bezeugt die qualitativ hochwertige Bauweise, die sich auch im Gewicht widerspiegelt. Absolut gesehen mag 1,7 kg nicht schwer erschienen, aber wenn man das Gerät in den Händen hält, fühlt es sich definitv massiv und schwer an.
Sowohl das Design, die Knöpfe und Drehregler sowie die Verarbeitung bewegen sich auch hohem Niveau. Da der phase8 besonders auch ein physisches Instrument zum Anfassen ist und sein will, ist die Haptik natürlich wichtig. Die Regler haben einen angenehmen Widerstand und die Knöpfe eine schönen deutlichen Klick. Schön ist auch der Fader, der den Air-Anteil steuert – dazu später mehr.
Alle Anschlussmöglichkeiten auf der Rückseite sind als 3,5mm-Klinke ausgeführt, bis auf den Main Out (mono). Eingebaute Lautsprecher sind nicht vorhanden.

Die Features des KORG phase8
Der Korg phase8 verbindet seine neuartige Acoustic-Synthesis-Engine mit einer fundierten Ausstattung, die ihn zum Synthesizer befähigen. Zentral sind die acht unabhängigen elektromechanischen Stimmen, welche die Stahlresonatoren („Resonators“) zum Schwingen bringen. Ergänzt wird das Konzept durch Envelope-Shaping, analoges Wavefolding, Trigger Delays, Automation, tonhöhenabhängige Modulation und einen polymetrischen Sequencer mit Live- und Step-Recording und 8 Steps. Der phase8 bietet eine insgesamt begrenzte Palette an Synthese-Parametern und fokussiert sich eher auf Performance, Experimentation und Klangänderung durch Interaktion – das minimalistische aufgeräumte Layout hilft dabei enorm und ist integraler Bestandteil des Instruments.

Der technische Aufbau ist wie folgt: die Resonatoren, also die Metallzungen, sitzen direkt über den Pickups, die mit ihren gewickelten Kupferspulen den Klang elektromagnetisch erzeugen. Dem Instrument liegen insgesamt 13 unterschiedlich lange Metallklangzungen bei, von denen jeweils acht gleichzeitig installiert werden können. Dadurch ist man nicht auf eine fest vorgegebene Tonanordnung beschränkt, sondern kann die Bestückung des Instruments individuell verändern.
Darüber hinaus lassen sich die Resonatoren auch stimmen. Dazu schraubt man sie einfach etwas lose mit dem beiliegenden kleinen Inbus und zieht sie ein Stück heraus. Auch die Pickups lassen sich in der Position anpassen. Man verändert also die Länge der Metallzunge, wobei längere Resonatoren tiefere Tonhöhen erzeugen, kürzere Resonatoren höhere. Auf diese Weise kann der phase8 sowohl an klassische chromatische Stimmungen angepasst als auch für alternative Skalen, Mikrotonalität oder experimentelle Klangkonzepte eingerichtet werden.

Der KORG phase8 in der Praxis
Den Korg phase8 habe ich in der Praxis als direktes und perfomatives Instrument wahrgenommen, in dessen Workflow man sich in relativ kurzer Zeit einarbeiten kann. Die Bedienoberfläche ist übersichtlich aufgebaut, es gibt kein Display und kein Menü. Stattdessen erfolgt der Großteil der Klanggestaltung direkt über die Regler, Schalter und die acht Tasten auf der Vorderseite. Schon nach kurzer Zeit hat man die grundlegende Arbeitsweise des Instruments verstanden und kann kreativ werden.
Das ganze Instrument ist super übersichtlich im Workflow und der Darstellung, wozu auch die schöne Zeile mit den gelben LEDs unter jedem Resoantor beiträgt. Diese zeigen die aktivierte Spur und auch den Rhythmus der Sequenz an.
Zum Anfassen: Live-Recording
Um mit dem Musikmachen loszulegen und Sequenz aufzunehmen, kann man entweder Live- oder Step-Recording auswählen. Im Live-Modus gibt es zwei Möglichkeiten die Resonatoren zum Klingen zu bringen, denn man kann sowohl die Step-Tasten drücken (einzeln oder mehrere gleichzeitig) oder auch die Finger benutzen. Für letzteres muss man den AIR-Slider aufdrehen, das ist der große unbeschriftete Fader auf der linken Seite (der sich übrigens echt gut anfühlt).
Ist der AIR Slider ganz unten, reagieren die Resonatoren nur auf die Tasten oder MIDI-Noten. Dreht man ihn hoch, dann lässt der AIR Slider Sound und Signal durch die Pickups durch. Das kann man sich fast so vorstellen, als dreht man den Gain von 8 offenen Kondensatormikrofonen auf: man hört plötzlich Umgebungsgeräusche, Tritt- und Berührungsschall. Somit kann man die Klangzungen nun anfassen und erzeugt so Klang. In diesem Kontext kann man auch verschiedene Materialien in Kontakt mit den Resonatoren bringen und so klangliche Variationen erzeugen.

Der Step Sequencer
Der integrierte Sequenzer ist geradlinig, minimalistisch und effektiv, im Test gefiel er mir wirklich gut. Es gibt zwar nur eine Länge von 8 Steps, dafür aber noch einen Variation Switch, als komfortabler Metallkippschalter ausgeführt. Mit diesem kann direkt zwischen zwei Sequenz-Variationen umschalten. Mit jeweils einer einfachen Tastenkombination kann man wahlweise Sequenz A in B kopieren oder alternativ A oder B wieder löschen.
Um einzelne Step bei laufendem Play zu setzen, wählt man mit Select einen der 8 Tracks aka Resonatoren aus und setzt dann mit REC aktiviert ganz einfach die Steps. Über MUTE kann man jede der 8 Resonatoren stummschalten.
Der Sequenzer hat einige interessante Funktionen und Fähigkeiten. Neben einprogrammierten und eingespielten Triggern kann man auch noch Parameterfahrten, also Automationen aufnehmen und: Fingerberührungen in den Sequenzer recorden. Das heißt Pluck Record und wird über ein Halten auf dem goldenen runden Kontaktfeld neben den Resonatoren aktiviert. Pluck Record ist eine sehr experimentelle Funktion und trägt maßgeblich zum klangforschenden Charakter des phase8 bei.
Wenn man Live-Recording oder Pluck Record benutzt, ist es oftmals hilfreich hinterher über die Quantize-Funktion zu quantisieren. Auch dies ist denkbar einfach gehalten und lässt sich für jede der 8 Spuren mit einem Klick anwenden.
Ebenfalls cool ist die Möglichkeit über SKIP für jede der 8 Spuren eine individuelle Steplänge von 1 bis 8 einzustellen und somit polymetrische Rhythmen zu realisieren. Der Ansatz, unterschiedliche Sequenzlängen über Skip anstatt dem Endpunkt zu setzen ist erstmal etwas ungewohnt, funktioniert aber gut.

Klangforschung mit dem Korg phase8
Wie schon erwähnt, besitzt der phase8 keine übermäßig große Palette an Parametern, mit denen man sonst an einem Synthesizer den Klang verändert. Die fünf Hauptwerkzeuge auf Parameterseite sind: Envelope, AIR, Modulation, Shift Delay und Velocity, welche höher aufgedreht nahtlos in das Wavefolding geht. Die Klangforschung geschieht beim phase8 also über die Kombination aus den Werkzeugen, einfacher repetitiver Rhythmussequenz und physischer Interaktion, welche den Klang – oder vielmehr das Schwingungsverhalten – der Resonatoren verändert. Zwar ist der Grundklang des phase8 insgesamt in einem überschaubaren Radius angesidelt, aber es findet sich dennoch viel performatives Potential der Klangvariation – eben durch die Interaktion der Elemente. In der Tat empfindet man sehr schnell, dass sich der KORG phase8 in einem sehr schönen Sweet Spot aus Limitierheit und Direktheit befindet, so dass er sich wie ein Instrument spielen lässt.
Das Spannende am phase8 ist, dass die Aufforderung zum Experimentieren mit verschiedenen Materialien und Gegenständern auf die Resonatoren gelegt nicht nur eine Spielerei ist (die bei anderen Experimentier-Instrumenten allzu schnell langweilig werden kann), sondern wirklich entscheidend zum Soundumfang beiträgt. Schnell kann man etwa mit einem aufgelegten Kopfhöreradapter das Timbre und Hüllkurve eines Resonators ändern, zudem machen kleine Positionsänderungen des Gegenstands z.T. drastische Klangänderungen. Mit der Materialexperimentation ändert sich dann auch wiederum das Verhalten der Envelope- und Velocity-Regler.
Und dann ist da natürlich noch der AIR-Regler, welcher immer global ist und mit seinem perfekt erreichbaren, haptisch angenehmen Fader stets spontan und genau dosiert und performt werden kann.

Der Klang des KORG phase8
Auf der Konzept- und Performance-Seite kann der phase8 schonmal voll überzeugen. Die Spielbarkeit ist großartig. Wie sieht es mit dem Klang aus? Nun, im ersten Eindruck haut er nicht übertrieben vom Hocker, aber: er wächst mit der Zeit. Langsam lernt man seinen erdigen, organisch-lebendigen Charakter schätzen, bis sich sein ganz eigenständiger Klang schließlich ins Herz schließt. Mit Kopfhörern gehört ist es schließlich auch nur ein Mono-Klang. Viel klangliches Potential kann man freilegen, wenn man den phase8 mit hochwertigen Effekten, etwa in einer DAW versieht.
Die Resonatoren sind verhältnismäßig klein, aber ihr erzeugter Klang ist es nicht. Die hochwertige Verarbeitung und Konstruktion im Signalfluss hört man in Summe. Klangerzeugung und 8-Schritt-Sequenz bilden zudem eine schöne Einheit – im Kopf kommt mir beim Hören immer der Gedanke: „Steve Reich würde dieses Instrument lieben“. Repetitiv, metallisch, filigran und doch nicht zurückhaltend, wenn man will. Der KORG phase8 ist ein wirklich ernsthafter, universeller Klanggenerator mit Langzeitpotential. Er funktioniert nicht nur über Anfangsfaszination, sondern hat echte klangliche Substanz.

Fazit
Mich konnte der KORG phase8 definitv überzeugen. Es ist ein interessantes Instrument, das aufgrund seiner Andersartigkeit nicht wirklich greifbar ist, bevor man es ausprobiert hat. Es sich wie eine elektrische Kalimba vorzustellen, würde dem Gerät sicher nicht gerecht werden. Natürlich sitzt der phase8 im Vergleich zu klassischen Synthesizern in einer etwas spezielleren Nische, er lässt sich aber dennoch klanglich in viele Genres einbinden. Ich denke, für Techno eignet er sich mit seinem metallischen, rauen Charakter sehr gut, ebenso für Filmmusic oder ruhigere Ambient-artige Stile – je nach eingestelltem Tempo und Timbre.
Die hochwertige Verarbeitung, das aufgeräumte Layout mit intuitiv-direktem Workflow sowie die umfangreiche professionelle Konnektivität machen den KORG phase8 zu einer echten Empfehlung. Das Team von Korg Berlin hat lange geforscht und final ein wirklich rundes, einzigartiges Produkt veröffentlicht. Ausprobieren ausdrücklich empfohlen!
Tastenexpress-Wertung: 👍 8/10 Punkte
Autor: Timm Brockmann (Sales & Marketing)
