Electronic Music Production in Berlin – Geschichte, Szene und die wichtigsten Läden heute

Ein Streifzug durch die Geschichte der elektronischen Musik mit ihren Ursprüngen in Berlin – und welche Rolle der stationäre Handel mit Klangerzeugern spielt(e).


Berlin ist eine Musikstadt. Die Stadt atmet, ist laut, experimentell, wegweisend und traditionell zugleich. Im Bereich der elektronischen Musik ist Berlin weltweit führend und zeigte mit der Loveparade in den 1990er Jahren, welch hohen Stellenwert und kulturellen Impact die Musik hier hat. Techno-Hauptstadt wurde Berlin nach dem Mauerfall, zwischen einer Stimmung des Aufbruchs und leerstehenden Gebäuden im Ostteil der Stadt. Heute ist die Berliner Clubkultur Aushängeschild und Magnet zugleich. Die Technokultur ist mittlerweile so tragend, dass sie von der UNESCO gewürdigt wird.

Wo alles begann: Berliner Schule für elektronische Musik

Schon früh war Berlin stilprägend in der elektronischen Musik: mit der Berliner Schule entstand in den 1970er Jahren eine Szene um Künstler wie Tangerine Dream und Klaus Schulze, die mit analogen Synthesizern und Sequenzern Stücke erschufen, die bis heute als Referenz und wegbereitend gelten. Der hypnotische, motorische Stil, den Tangerine Dream etwa mit ihrem epochalen Werk „Zeit“ (1972) etablierte, spielte eine tragende Rolle für die Entwicklung von Ambient und auch Krautrock, der wiederum zum frühen Grundstein für Techno wurde. Die Entwicklung des Electronic-Music-Genres ist vielschichtig verwoben, und viele Fäden laufen in Berlin zusammen.  

Electronic-Pionier Klaus Schulze bei einem Auftritt in der Nationalgalerie im Jahr 1976

Zeitgleich in den 70ern war West-Berlin ein Magnet für internationale Weltstars wie David Bowie oder Iggy Pop, die von der regen Punk- und Undergroundszene fasziniert waren, welche sich allen Erwartungen zum Trotz im Klima des Kalten Krieges und der Teilung gebildet hatte. Durch David Bowie wurde auch ein heute legendäres Tonstudio berühmt: die Berliner Hansa Studios, wo Bowie seinen Welthit „Heroes“ aufnahm. Die Hansa Studios hatten fortan den Ruf, zu den besten Aufnahmestudios der Welt zu gehören. Internationale Künstler wie Depeche Mode, U2 oder R.E.M. kamen, um im „Hansa by the wall“ Platten aufzunehmen. Berlin war auf der musikalischen Weltkarte fett markiert.

Während die Hansa Studios eher für international geprägte, bandorientierte Produktionen standen, verlagerte sich die eigentliche Keimzelle elektronischer Musikproduktion in Berlin später in andere, weniger repräsentative Räume. Man arbeitete nicht mehr in großen Studios, sondern in improvisierten Setups, Kellern und ehemaligen Industriegebäuden. Im Umfeld des Techno entwickelte sich so eine eigene Studiokultur, die reduziert, funktional und eng mit der Clubszene verbunden war. Orte wie Tresor wurden zu Ausgangspunkten einer Produktionsweise, die unmittelbarer, roher und stärker am Moment orientiert war.

Mit dieser neuen Produktionsweise veränderte sich auch der Zugang zu Instrumenten und Technik. An die Stelle klassischer Studioausstattung traten zunehmend spezialisierte Geräte wie Drum Machines, Sampler, Sequencer und modulare Synthesizer, die flexibel einsetzbar waren. Spezialisierte Läden und Treffpunkte, in denen nicht nur Equipment verkauft, sondern Wissen, Erfahrungen und ästhetische Vorstellungen weitergegeben wurden, gewannen an Bedeutung. Orte wie Hard Wax oder später SchneidersLaden wurden zu Knotenpunkten einer Szene, in der Produktion, Austausch und kulturelle Praxis eng miteinander verbunden sind.

Ein klassisches Projektstudio in den 1990ern (Copyright: Maurice Steenbergen)

Vom Musikhaus zur Nische – der Wandel des Berliner Musikhandels

In diesem dynamischen Musik-Ökosystem hat der Musikalienhandel in Berlin stets eine wichtige Rolle gespielt. Musikläden entstanden überall dort, wo Musiker lebten: in Charlottenburg, Kreuzberg und Schöneberg. Die Geschäfte in den 1970er Jahren waren primär klassische, wenn auch vergleichsweise kleine Vollsortiment-Musikhäuser: Gitarren, Verstärker, Noten, Keyboards, Schlagzeuge, alles unter einem Dach. Und sie waren mehr als Geschäfte; sie waren Treffpunkte.

Mit dem Aufkommen von Synthesizern und elektronischen Instrumenten in den späten 1970er- und 1980er-Jahren veränderte sich das Sortiment vieler Geschäfte grundlegend. Die Stadt, ohnehin ein Anziehungspunkt für experimentelle Musik, entwickelte sich zunehmend auch zu einem Markt für elektronische Instrumente und Studioequipment.

„Mit JustMusic verabschiedete sich nicht nur ein weiteres Kaufhaus aus der Hauptstadt, sondern ein Treffpunkt für Musiker und Musikbegeisterte, ein Stück Tradition & Kultur.“
Lilli Stock, Inhaberin JustMusic 2023

In diesem Umfeld entstand schließlich eines der wichtigsten Unternehmen des Berliner Musikhandels: JustMusic. Die Geschichte begann 1977 mit einem kleinen Schlagzeugladen namens „Drumland“, den der Student Jochen Stock während seines Studiums gründete. Aus diesem spezialisierten Geschäft entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein großes Musikalienunternehmen mit mehreren Filialen und einem enormen Sortiment an Instrumenten und Studioequipment. Besonders der später eröffnete Store am Moritzplatz wurde für viele Musiker zu einer festen Institution der Berliner Musiklandschaft. Hier gab es richtig viel Platz, und den brauchte man auch, um die vielen Instrumente auszustellen, die der Synthesizer-Boom der letzten 10 Jahre zutage gebracht hat.

„Wir sahen keine weitere Möglichkeit mehr, den Negativtrend umzukehren“ – JustMusic 2024

Just Music hat viel Ware verkauft, es mangelte nicht primär an Umsatz. Doch der stark wachsende Onlinehandel veränderte den Markt für Musikinstrumente grundlegend: große Versandhändler konnten Instrumente oft günstiger anbieten, und der stationäre Handel musste preislich mitziehen, um konkurrenzfähig bzw. schlicht im Geschäft zu bleiben. In Folge sanken die Margen, und die Rückgabementalität vieler Kunden schmälerten diese nochmal zusätzlich. Diese Entwicklung traf auch JustMusic zunehmend hart, insbesondere weil der strategische Fokus seit jeder auf dem Ladengeschäft lag, weniger auf dem Webshop. 2024 verkündete Lillie Stock, die Tochter des Gründers, dass JustMusic seine Geschäftstätigkeit final einstellt. Für viele war das ein symbolischer Moment für den tiefgreifenden Strukturwandel im Musikalienhandel.

Große Vollsortiment-Musikhäuser werden zunehmend selten

Als Synthesizer-Enthusiast und Studio-Musiker, aber auch als ehemaliger Mitarbeiter in der Keys-Abteilung vermisse ich Just Music, denn es war immer schön, sich durch die große Ausstellung zu spielen. Es war aber nicht nur ein El Dorado für Synth-Nerds, sondern auch Ort der Begegnung und des Austauschs. An meinem ersten Arbeitstag dort habe ich Helge Schneider ein Keyboard und ein Hammond-Basspedal verkauft, während sein 14-jähriger Sohn – der ihn bei Live-Auftritten am Schlagzeug begleitet – durch den Showroom schlurfte.

Heute hat sich das Bild verschoben. Wo einst ein großes Haus vieles bündelte, steht nun eine Vielzahl spezialisierter Geschäfte (einige seit Jahren etabliert, andere durch die Lücke neu formiert), die gemeinsam ein erstaunlich vollständiges Portfolio abbilden, was elektronische Tasteninstrumente, Synthesizer und Tools für Electronic Music Production anbelangt. Was früher unter einem Dach vereint war, verteilt sich nun auf unterschiedliche Orte mit klarer Haltung und Expertise. Es gibt ingesamt drei Adressen, die im Folgenden vorgestellt werden.

Es wirkt wie ein Ort zum Verweilen, ein musikalisches Zuhause – und gleichzeitig beeinflusst er die Modular-Szene weltweit
Kunde bei SchneidersLaden

Sich Austauschen, Begegnen und Nerd-Talk machen – das trifft aktuell explizit auf eine Adresse in Berlin zu: SchneidersLaden. Das Musikfachgeschäft von Andreas Schneider führt eine beachtliche und exzellent kuratierte Auswahl von Synthesizern und Modularsystemen der vornehmlich experimentelleren Gattung. SchneidersLaden versteht sich als „Zentrum der elektronischen Musik, ein Treffpunkt im Herzen von Berlin-Neukölln“. Für viele Synthesizer-Enthusiasten gilt das Geschäft als einer der wichtigsten Orte für modulare Synthesizer überhaupt – nicht nur in Berlin, sondern weltweit. Wer den Laden betritt, spürt sofort etwas von dem besonderen Berlin-Spirit: neugierig, experimentell und stets unkonventionell. Zwischen den blinkenden Dioden der Module, Kabeln und ungewöhnlichen Apparaten lebt jener kreative, schräge Vibe, der die Berliner Elektronikszene seit Jahrzehnten prägt. Regelmäßig veranstaltete Workshops unterstreichen den Anspruch an einen Ort, der über reinen Verkauf hinausreicht.

SchneidersLaden: ein Ort der Begegnung für Synthesizer-Enthusiasten

Wenn SchneidersLaden der coole Experimentalmusiker ist, der mit Effekten zur Klangbearbeitungen, Modulen und weiterem seltsamen Gerät arbeitet, dann ist Digital AudionetworX eher der ruhige Studio-Nerd, der jedes Detail seines Setups kennt. Es gibt eine gewisse, eher kleine Schnittmenge: Keyboard Synthesizer wie Oberheim, Novation oder Sequential. Darüber hinaus sind bei Digital AudionetworX (kurz: DA-X) durchdachte Audio-PCs, Studiomonitore und Recording-Hardware im Fokus. Das Geschäft in Berlin-Friedrichshain wirkt konzentrierter und technischer. Wer ernsthaft produziert, sein Studio ausbauen möchte oder nach präzisem Equipment für Sounddesign und Recording sucht, findet hier eine der kompetentesten Adressen der Stadt.

„Seit einiger Zeit sind wieder verstärkt analoge Synthesizer mit eigenständigem Sound und Charakter gefragt“
Daniel Engelbrecht, Digital AudionetworX

So verschieden das Produktsortiment bei Digital AudionetworX gegenüber SchneidersLaden ist, so unterschiedlich ist auch die Philosophie gegenüber dem klassischen Musikladen als sozialem Treffpunkt. Während man in SchneidersLaden schnell ins Gespräch kommt, gemeinsam an Modularsetups plant oder sich über neue Klangideen austauscht, versteht sich Digital AudionetworX deutlich nüchterner als spezialisierter Händler für Studio-Equipment. Der Inhaber Daniel Engelbrecht hat selbst einmal sinngemäß formuliert, dass sich in der Zeit, in der man einen Ladenkunden ausführlich berät, oft mehrere Onlinebestellungen abwickeln lassen. Entsprechend liegt der Schwerpunkt von DA-X weniger auf dem Laden als sozialem Ort, sondern auf effizientem Vertrieb und kompetenter Beratung für Produzenten und Studios, die gezielt nach hochwertigem Equipment suchen. Das Ladengeschäft ist dennoch spannend und immer einen Besuch wert.

Showroom von Digital AudionetworX: Fokus auf Studio-Klangerzeuger

Der dritte Spezialist für Synthesizer und Keyboards ist Tastenexpress – Zentrum für digitale Tasteninstrumente im Norden der Stadt, in Wilhelmsruh. Tastenexpress übernimmt im Bereich der elektronischen Tasteninstrumente eine Rolle, die früher selbstverständlich war: eine breite Auswahl an spielbaren Instrumenten, persönliche Beratung und die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, um Klang und Tastatur wirklich zu fühlen. Erwähnenswert ist dabei auch die personelle Kontinuität: einige ehemalige Mitarbeiter von JustMusic haben hier eine neue Heimat gefunden, wodurch nicht nur Erfahrung, sondern auch ein Stück jener Ladenkultur weiterlebt, die viele Berliner Musiker geprägt hat. Auch der Autor ist Teil dieser Geschichte und hat direkt die Schließung und Räumung von JustMusic miterlebt. Tastenexpress hat wie auch Schneidersladen, JustMusic und Digital AudionetworX seine eigene Atmosphäre, Richtung und Fokus. Kompetent, fachlich-musikalisch versiert, neutral und professionell – so kann man Tastenexpress beschreiben.

Keyboards und Synthesizer im Showroom von Tastenexpress

Mit Tastenexpress schließt sich schließlich eine Lücke, die nach dem Verschwinden von JustMusic im Berliner Musikhandel entstanden ist. Während sich SchneidersLaden auf experimentelle Synthesizer und Digital AudionetworX auf Studio- und Produktionsumgebungen mit selektierten Klangerzeugern konzentriert, führt Tastenexpress jene klassische Linie des Vollsortiments im Bereich Tasteninstrumente fort. Der Fokus liegt zwar auf Digitalpianos, doch darüber hinaus entfaltet sich eine breite Auswahl an Stagepianos, Keyboard-Workstations und ausgesuchten Korg-Synthesizern, die wiederum bei den anderen spezialisierten Adressen nicht zu finden sind. In gewisser Weise entsteht damit in der Stadt ein neues Gleichgewicht: drei unterschiedliche Ansätze, die zusammen wieder ein großes Spektrum an den verschiedene Keyboards und Klangerzeugern auf dem Markt abbilden.

„Ein Instrument versteht man nicht durch Specs, sondern durch Berührung.“
Riccardo Branoner, Gründer von Tastenexpress

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich der Musikhandel in Berlin nach wie vor nicht auflöst, sondern sich neu organisiert und reformiert. Leiser vielleicht, spezialisierter, aber nicht weniger lebendig. Das größte Haus ist verschwunden, kapituliert vor den wenigen Online-Giganten. Doch an dessen Stelle sind Orte getreten, die jeweils für sich eine Haltung verkörpern: experimentell, technisch, spielerisch. Und vielleicht liegt genau darin die neue Stärke. Denn so unterschiedlich diese Läden auch sind, sie verbindet etwas Grundlegendes, nämlich die Möglichkeit, Klang physisch zu erleben. Ein Instrument nicht nur zu bestellen, sondern zu berühren, zu spielen, zu verstehen: dieses Bedürfnis bleibt bestehen, das bringen Kunden immer wieder zum Ausdruck. In einer Zeit, in der immer mehr ins Digitale wandert, behalten diese Orte eine wichtige Bedeutung. Sie sind neben Verkaufsflächen auch Schnittstellen zwischen Mensch und Musik, und damit weiterhin ein Teil jener Berliner Klanggeschichte, die sich fortlaufend weiter erzählt.

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